DORNRÖSCHEN INSTITUT – exit history (D 2016, 13 min)

Dreispur-Filminstallation von Mathias Max Herrmann | Nord/LB art gallery Hannover

Mit Laura Friedmann, Oscar Olivo, Vitali Müller, Isabel Tetzner, Daniel Nerlich und Moritz Mehmet

Filmausstattung und Raum: Birgit Klötzer, Dennis Ennen
Originalton: Patrick Wehrhahn
Kamera: Mathias Max Herrmann
Bauten: Ralf Blawat

Konzept und Regie: Mathias Max Herrmann

Dornröschen Institut | Konzept und Regie: Mathias Max Herrmann

Im Herbst 2015 gelang die erste Messung einer Gravitationswelle – einer Delle in der Raumzeit. Eine Sensation. Albert Einsteins Berechnungen bestätigen sich in der Realität. Am Albert-Einstein-Institut in Hannover entwickeln Wissenschaftler die hochsensible Technik für eine solche Messung. Die Film- und Rauminstallation »DORNRÖSCHEN INSTITUT – exit history« dokumentiert diese Arbeit der Wissenschaftler und konfrontiert sie mit Grimms Märchenfigur – der schlafenden Königstochter.

100 Jahre Kino – aber nur ein einziges Bild.

In den 1870er Jahren, kurz nachdem die letzte Fassung des Dornröschen-Märchens erschienen war,  entstanden – als Vorboten des Films – Serienfotografien: Bildreihen, die Bewegungsphasen z.B. eines laufenden Hundes zeigten. Vor diesem Hintergrund erscheint Dornröschens Schlafstarre wie eine hundertjährige Sitzblockade. Dornröschen als Kunstkritik: Einhundert Jahre „Schlaf“ als Reaktion auf Bilder, die anfangen zu laufen.

 

Pluralzeit im Singularraum

Durch das schlafende Schloss werden Bewusstseinszustände verschiedener Beteiligter, zu verschieden Zeiten, in einem einzigen Augenblick, in einem Bild übereinander gelagert – das hat zur Folge, dass sich dieses Bild der kontinuierlichen, gleichförmigen Zeitfolge, der ‘Realzeit’ entzieht, weil es in einem Augenblick Vorgeschichte und Nachwirkung vereint.

Die antike Auffassung von Bewegung, dass es in Prozessen einen ‘idealtypischen’ Moment gibt, der sozusagen die ‘Quintessenz’ des Ganzen in einem Augenblick ausdrückt, bildet die Grundlage für die Ikone: Ein Moment verweist auf viele Momente.

 

Dornröschen Institut | Konzept und Regie: Mathias Max Herrmann

Ikone

Bei Dornröschen dauert dieser ikonographische Moment einhundert Jahre, das heißt er beansprucht selbst Zeit für sich. Denn es geht um Geschichte:

Dornröschen hinterfragt einen Historismus, dem das »es war einmal« zu Grunde liegt. Sie tut es, indem sie sich selbst als der prägnante Augenblick, als erstarrte Pose quasi in der Zeit auffaltet – über einhundert Jahre – und sich damit nicht nur der kontinuierlichen Zeitfolge entzieht, sondern sie physisch zerstört. Dornröschen ist der Störfall im Geschichtskontinuum. Sie tritt aus der Geschichte heraus. Das heißt: Widerstand ohne Kampf: Essen, aber nicht zur Nahrungsaufnahme, Sprechen, aber nicht zum Informieren.

Schlafen, nicht zum Kraft schöpfen. Sondern als Protest gegen eine geschrieben, abgeschlossene und kontrollierbare Geschichte.

 

Dornröschen Institut | Konzept und Regie: Mathias Max Herrmann

Nord/LB art gallery Hannover | November 2016
Im Rahmen von »Q [‚kju:] Deformation von Raum und Zeit«
Kunst und Begegnung Hermannshof e.V.
Sonderforschungsbereich 1128 geo-Q | Leibniz Universität Hannover

Dornröschen Institut | Konzept und Regie: Mathias Max Herrmann

Dornröschen Institut | Konzept und Regie: Mathias Max Herrmann